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10.06.2003 Ruppertsweiler
Geschich=
te vom
getrockneten Fischchen
(Erzählung)
In den 20. Jahren des vorigen
Jahrhunderts lebte an der Wolga eine gewöhnliche bäuerliche Familie. Wie vi=
ele
andere Familien, musste auch diese an Hunger leiden, den die Missernte von =
vier
aufeinander folgenden Jahren und das Durcheinander im damaligen ganzen Russ=
land
hervorriefen. Der Vater war oft nicht zu Hause: er wurde mehrmals zum
Armeedienst einberufen. Die Mutter erzog die Kinder, beschäftigte sich mit
häuslichen Arbeiten bei reicheren Leuten, was der Familie half irgendwie
durchzukommen.
Diese Familie hat einen „Haufen“ Kinder, wie man sich jetzt ausdrück=
t,
aber damals hatte sie erst drei: die Ältere, die Mittlere – von der die Rede
weiterhin sein wird – und der Jüngste. Die mittlere Tochter hieß Lisa.
Einmal erschien am ganzen Körper von Lisa, die wie alle Normalkinder
draußen viel Zeit verbrachte und herumtobte, ein Ausschlag, über den die Mu=
tter
ratlos war, und der später sich mit Kruste bedeckte. Am schlimmsten war abe=
r,
dass die Kruste juckte, und Lisa riss sie mit ihren Nägelchen beim Kratzen =
ab
und es trat dann Blut heraus. Dies dauerte Tage und dann auch Wochen lang.
Alles, was die heimischen Wunderdoktoren rieten, probierte die Mutter aus, =
aber
Nichts half. So quälte sich das Mädchen mit seinem Unheil ab.
Eines schönen Tages kam ihr Vater für eine Weile nach Hause und brac=
hte
ein einziges getrocknetes Fischchen mit.
-- Leg dieses Fischchen in die
Kammer, und wenn wir alle am Abendtisch sitzen, teilen wir das Fischchen un=
ter
allen Kindern auf - sagte er seiner
Frau.
Das Gespräch der Eltern verging in
Anwesenheit von Lieschen.
-- Papa, darf ich das Fischchen=
nur
riechen? – leise fragte das Mädchen den Vater mit seiner Kinderstimme.
-- Na klar, nur riechen darfst =
du –
antwortete er.
Zum Bedauern bemerkten die beiden
Eltern nicht, mit welchen Emotionen das kleine Mädchen begann dieses
getrocknete Fischchen zu beschnüffeln.
Das Mädchen, äußerlich sehr froh wegen Papas Ankunft, von innen aber
sehr unbefriedigt, ging hinaus in den Hof, um von diesem Fischchen zu
vergessen, wenigstens bis zum Abend, wenn es verteilt wird, wie es der Vater
versprach.
Draußen tobten die Nachbarnkinder,
riefen nach Lisa, luden sie ein, zusammen zu spielen, aber das Mädchen hatte
irgendwie keine Lust zum Spielen. Es ging eine Weile hin und her, fand für =
sich
aber keine Beschäftigung. Doch dann nahm sie ein Stöckchen und begann am Bo=
den
zuerst unbegründete Striche zu machen, die bald Orientierungssinn bekamen, =
und
Lisa sah unerwartet das gleiche Fischchen, das Papa brachte und Mama irgend=
wo
in der Kammer versteckte. Das Mädchen bückte sich zum Boden und beroch das
gemalte Fischchen.
-- Das ist ja dasselbe getrockn=
ete
Fischchen und der Duft ist genauso verlockend – jubelte das Mädchen und klatschte mit ihren kle=
inen
Händchen Beifall.
Es freute sich sehr, wollte das gezeichnete Fischchen in ihre Händch=
en
nehmen, aber zu seiner großen Enttäuschung war in den Händchen nur Erdestaub
und im Inneren der Seele nur der Geruch von jenem getrockneten Fischchen.
Wieder begann es sich zu langweilen, fand sich keine Beschäftigung u=
nd
keine innere Ruhe. Auf die Einladung der Nachbarnkinder schüttelte es nur d=
en
Kopf, und das bedeutete: „Heute kann ich nicht …“, in seinem Inneren, irgen=
dwo
tief-tief erschien immer wieder ein anderer Gedanke: „Ihr seid mir heute eg=
al,
dort in der Kammer liegt ein getrocknetes Fischchen“.
Und plötzlich kam das Mädchen auf eine Idee.
-- Ich gehe in die Kammer, find=
e das
Fischchen und berieche es einfach. Papa hat mir ja das erlaubt. Essen werde=
ich
es nicht, bestimmt nicht, - sagte es leise.
Dem Mädchen schien, dass Mutter es an den Händchen hält, es unterstü=
tzt,
damit es nicht fällt. Das gab ihm Kraft und Mut.
Lisa machte zuerst einige vorsich=
tigen,
langsamen Schrittchen, dann geht sie immer schneller und schneller. Plötzli=
ch
lief sie tapfer in die Kammer und wie das Haushündchen Blümchen begann sie =
die
Gerüche und Düfte von allen Gegenständen mit dem einzigen Geruch vom
getrockneten Fischchen, der tief in ihrem Gedächtnis saß, zu vergleichen. O=
hne
Mühe fand sie die Tüte mit dem getrockneten Fischchen. Sie wickelte das
Fischchen aus und begann es zu beriechen.
Das Mädchen atmete tief ein, hörte auf zu atmen, um den Duft des Fis=
chchens
im Inneren zu behalten, dann atmete es schnell aus. Nach wiederholten Ein- =
und
Ausatmen war das Mädchen so befriedigt, dass es wieder mit den Nachbarnkind=
ern
spielen konnte.
Die Kinder liefen herum, sprangen,
spielten, mit einem Wort, sie tobten wie alle normalen Kinder. Lisa vergaß =
für
eine Weile vom Fischchen, aber das dauerte nicht lange. Bald trat wieder der
Moment auf, in dem seine innere Stimme hin und wieder es an das Fischchen
erinnerte, das dort in der Kammer liegt. Immer öfter wurde der wunderbare
Geruch des Fischchens ins Gedächtnis zurückgerufen, zusätzlich ließen jetzt
sogar das Stück Stoff und der Platz, wo diese Tüte lag, sie nicht mehr in R=
uhe.
Im Nu änderte sich alles ringsum: die Umgebung wurde grau, die Kinde= r – aufdringlich, die Spiele – uninteressant. Das Kind lief wieder in die Kamme= r, wo man sein „Heilelixier“ aufbewahrte, mit der Hoffnung, dass es das Fischc= hen nur beriecht. Es nahm tapfer die Tüte, öffnete sie, mit dem linken Händchen fasste es den Kopf, mit dem rechten – den Schwanz, und begann den Fisch zu beschnüffeln, immer und immer wieder, alles wiederholte sich, wie vorher. <= o:p>
Wärme trat in seinem Körper auf, die sich langsam und mit großer
Fühlbarkeit verbreitete. Es spürte ein angenehmes Kitzeln und tiefstes
Wohlbehagen. Das Mädchen verlor das Gefühl der Zeit und des Raumes.
Plötzlich erschien eine innere St=
imme –
die kam vom Weiten-Weiten – es war schwer sie zu verstehen, aber nach drei
Wiederholungen: „Um gesund zu werden, musst du das Fischchen essen“ - hat d=
as
Mädchen alles verstanden.
Weiterhin ging alles automatisch: es faste das Fischchen, versteckte=
es
unter dem Rock, lief in den Kuhstall, kroch in die Futterkrippe und aß das
getrocknete Fischchen auf.
Nach kurzer Zeit kam es zu Sinnen. Das Mädchen verstand, dass es sei=
ne
Geschwister bestohlen hat. Jeder hätte ja ein Stückchen vom Fisch bekommen
können. Die Angst verbreitete sich in ihm: „Was wird passieren, wenn die El=
tern
davon erfahren? Sie werden mich bestimmt bestrafen“. Das Mädchen legte den =
Kopf
auf die Knie und begann leise zu weinen. Wie lange das dauerte, konnte Lies=
chen
nicht beurteilen, für es war es ei=
ne
Ewigkeit.
So saß Lieschen bis zum Abend, weinend und sich selbst Vorwürfe mach=
end.
Mutter rief die Kinder zum Abendessen. Alle waren schon da, nur Lisa fehlte.
Die älteste Tochter sollte sie finden und nach Hause bringen. Kurz darauf
meldete sie der Mutter, dass Lisa im Kuhstall sitzt und weint. Mutter lief
schnell dorthin und fragte, was passiert sei:
-- Ich habe das Fischchen geges=
sen
– antwortete Lisa weinend.
-- Wie, du hast das Fischchen a=
llein
gegessen? - entgegnete schnell die Mutter, - der Fisch hat ja eine Menge von
Gräten, und die könnten in der Kehle stecken bleiben. Und wo sind der Kopf =
und
die Innereien vom Fisch? Wenigstens das muss ich den anderen zeigen…
-- Mich hat eine Stimme versich=
ert,
wenn ich das Fischchen esse, dann werde ich gesund – tränenüberströmt sagte=
das
Mädchen – und das Fischchen hatte gar keinen Kopf, keine Gräten und Innerei=
en.
Alles schmeckte so lecker!
Erst in diesem Moment achtete die Mutter auf die Haut von Lisa. Sie
glaubte ihren Augen nicht. Schnell hob Mutter den Rock ihrer Tochter,
betrachtete den Rücken; die Brust und den Leib. Tatsächlich, anstatt des ro=
ten
Ausschlages, der vielfältigen Krusten, die Mutter täglich 2-3 Mal einsalben
musste, waren nur kaum bemerkbare rötliche Spuren von verschwundenen Narben=
.
-- Ich bin schuldig – sagte
schulderfüllt die Mutter – Komm ins Haus, heute wische ich deinen Körper no=
ch
mal mit einem feuchten Lappen ab und morgen kann man dich schon baden. Über
dein Verhalten wird der Vater bestimmt was am Tisch am Abend sagen.
Lisa wur=
de es
ein bisschen leichter zumute, sie begann mit ihrem Kindesgehirn die entstan=
dene
Situation zu analysieren: sie braucht nichts mehr über den Zufall dem Vater=
zu
sagen; zum zweiten – die letzten Worte von Mutter wurden auf eine ungewöhnl=
iche
Weise gesagt, ihre Stimme klang mit viel Wärme und Zärtlichkeit. Und Lisa
fasste den Entschluss: „Die Strafe wird bestimmt nicht so schrecklich sein,=
das
werde ich überleben“.
Sie ginge=
n zum
Abendbrot. Alle Kinder waren schon da. In der Familie gab es eine strenge
Regel: jeder hatte am Tisch seinen Platz, und wenn auch jemand fehlte, sein
Stuhl blieb unbesetzt. Die Eltern hielten sich noch irgendwo auf, obwohl der
Topf mit der Suppe schon auf dem Tisch stand, und für jeden stand eine Schü=
ssel
und lag ein Holzlöffel da. Niemand durfte mit dem Essen anfangen, bevor alle
Mitglieder der Familie da waren. Gewöhnlich fing das Essen mit dem Gebet von
Mutter an, so war es üblich in dieser Familie. Endlich kamen die Eltern, und
das Abendessen begann auf ungewöhnliche Weise.
Diesmal nahm=
das
Wort der Vater. Er begann seine kurze Rede, sein Augenmerk auf die Kinder
gerichtet: „Kinder, in dieser schweren Zeit, wo überall im Land Hunger
herrscht, ist es schwer etwas Essbares zu kriegen. Mir gelang es bei einer
Eisenbahnstation meine Machorka gegen ein getrocknetes Fischchen umzutausch=
en.
Ich wollte es unter euch allen teilen. Aber es passierte Unvorhergesehenes.=
Als
ich eure erkrankte Schwester sah und bemerkte, mit welchem Blick sie das
Fischchen betrachtet und es so gierig beriecht, verstanden wir mit eurer
Mutter, dass Lisas Körper dieses Fischchen fehlt. Wir erlaubten ihr das
Fischchen zu essen und wie ihr seht, sie ist auf dem Wege der Genesung. Ihr
wollt doch, dass ihre Schwester wieder gesund ist? Und jetzt wollen wir bet=
en“.
Alle stand=
en
auf, legten die Hände zum Beten zusammen und hörten Mutters Gebet zu, in dem
sie Gott fürs gegebene Essen dankte. Nach dem Gebet durfte sich jeder aus dem gemeinsamen Topf Essen nehmen und mit dem Essen beginnen=
. Alle
begannen schweigend die von der Mutter gekochte Suppe zu essen, nur die ält=
este
Tochter sagte mit lauter Stimme: „Ich will aber mein Stückchen Fisch haben!=
“
Der Vater =
sah
sie nur streng an, und es reichte dafür, dass auch sie den Löffel nahm und =
zu
essen begann.
Eines Tages
später, als der Vater nicht zu Hause war, wendete sich das kleine Lieschen =
an
Mutter mit der Frage, die es die ganze Zeit quälte und auf die es von selbst
keine Antwort fand.
-- Mama, warum habt ihr mit Papa mich damals für den
Diebsfall nicht bestraft? Warum habt ihr mich sogar beschützt vor meinen
Geschwistern?
-- Jetzt bist du noch in solchem Alter, du wirst es doch =
noch
nicht verstehen – antwortete die Mutter.
Viele Jahre
vergingen. Aus dem kleinen Lieschen wurde ein erwachsenes schönes,
lebenslustiges Fräulein – Lisa. Bei Gelegenheit stellte sie mal wieder dies=
elbe
Frage an Mutter. Diesmal antwortete die Mutter so: „Lisa, du wirst bald
heiraten, du bekommst eigene Kinder und wirst es dann von selbst verstehen“=
.
19.06.2003 Ruppertsweiler<= o:p>
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